Liberalismus – eine zeitlose Idee
Ulm, den 6. Januar 2017
Prof. Dr. Ludwig Theodor Heuss

Ludwig Heuss hat diese Rede beim Neujahrsempfang der Ulmer FDP am 06.01.2017 gehalten. Darin hat er etliche wichtige Prinzipien des Liberalismus sehr schön dargestellt und herausgearbeitet.

Ich darf heute hier zum Thema „Freiheit“ sprechen und habe meinem Referat den Titel gegeben: „Liberalismus – eine zeitlose Idee“. Ich habe dabei sowohl auf ein Fragezeichen, als auch auf ein Ausrufezeichen verzichtet. Aber ja, es treibt auch mich um, wie es in den letzten Jahren um die politische Rolle des Liberalismus bestellt
war. Und es treibt mich um, was in diesem Schicksalsjahr 2017 aus dieser ideengeschichtlichen Tradition wird,
die die Bundesrepublik Deutschland geprägt hat. Allerdings: auch im Dezember 1948, als die FDP in Heppenheim gegründet wurde, stand der politisch organisierte Liberalismus in Deutschland an einem Nullpunkt. Versuchen wir uns die Zeit vor Augen zu führen: der 17. Dezember 1944, der Schicksalstag der Zerstörung dieser Stadt lag damals gerade erst 4 Jahre zurück ein materiell zerstörtes, aufgeteiltes Land, eine moralisch zerstörte, verunsicherte Gesellschaft. Die Beratungen des Parlamentarischen Rates hatten eben erst begonnen um dann in neun Monaten, die freiheitliche Verfassung zu schaffen, die später als Erfolgsmodell des 20. Jahrhunderts gepriesen wurde. Nach einer Periode des radikalen Anti- oder Liberalismus (Fritz Stern) der politischen Ideologien links und rechts, die Europa im 20. Jahrhundert in den Abgrund getrieben hatten waren es Liberale, die wie schon damals die Weimarer Verfassung, so auch das Grundgesetz wesentlich mitgeprägt und die zentralen Freiheits- und Menschenrechte darin festgeschrieben haben. Es war wie Karl Dietrich Bracher schreibt der „Einfluss des Liberalismus auf alle demokratischen Parteien, der ihn zur Grundlage der westlich-freiheitlichen Parlamentsdemokratie“ werden1 ließ – und dessen Früchte wir heute ernten.

Diese historische Charakterisierung ist ehrenvoll, man darf an Tagen wie dem heutigen daran erinnern, aber was soll das heißen? Etwa: der Liberalismus hat seine historische Aufgabe erfüllt, er hat seine Zeit gehabt, ist also alles andere als zeitlos? Manche hätten das gern und im Mai 2014 konnte man das fast denken. Damals gedachte der Bundestag der Unterzeichnung dieses Grundgesetzes, in einer Feierstunde. Vielleicht mögen Sie sich daran erinnern, wie Navid Kermani, ein Sohn iranischer Emigranten, in Deutschland aufgewachsen, Orientalist und Schriftsteller deutscher Sprache, damals Gastprofessor für deutsche Literatur in New Hampshire, also ein Paradebeispiel eines geglückten freiheitlichen, persönlichen Lebensentwurfs in einer freien Gesellschaft, eine großartige Rede hielt,
die in vielen Passagen eine Eloge auf die Freiheit war.2 Der Bundestagspräsident und die Fraktionsvorsitzenden würdigten das Ereignis in ihren Worten und nach ihren Fähigkeiten – die Liberalen fehlten im Parlament – noch schlimmer: sie wurden scheinbar nicht einmal vermisst. Andere warfen sich wortreich in Szene und reklamierten
für sich die neuen Hüter der Freiheit zu sein. Ich durfte diese Feierstunde damals von der Tribüne aus miterleben und dieses Erlebnis erinnerte mich an einen Satz aus der Antrittsrede die Theodor Heuss als erster Parteivorsitzender der FDP in Heppenheim gehalten hatte.3 Er lautet einfach und nüchtern: „Das Wort „frei“ allein ist noch kein Zauberwort.“ Ich gebe zu, der Satz ist aus dem Zusammenhang gerissen und da lässt sich beliebig alles hinein packen. Aber er hält auch: Nur die Freiheit zu beschwören das reicht nicht. Es muss noch mehr dahinter sein.Aber ist der Liberalismus wirklich eine zeitlose Idee? Strahlt das Ideal noch vor den großen Aufgaben unserer Gegenwart?

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